Beim Gipfel zur europäischen digitalen Souveränität am 18. November 2025 in Berlin wurde deutlich: Die deutsche Wirtschaft und die Politik ziehen an einem Strang, um die Einführung der EU-weiten digitalen Identität und der europäischen digitalen Brieftasche zu beschleunigen. Mehr als 75 Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen unterzeichneten, das Memorandum of Unterstanding zur erfolgreichen Einführung der European Digital Identity Wallet – kurz: EUDI-Wallet.

Was hat es mit dem Memorandum of Understanding auf sich?

Die Unterzeichnenden verpflichten sich zu einer engen Zusammenarbeit, um die Einführung der EUDI-Wallet in Deutschland und der EU zu beschleunigen und eine hohe Nutzungsrate zu erreichen. Das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) informiert die beteiligten Unternehmen regelmäßig über den Entwicklungsstand und technische Details und berücksichtigt deren Feedback. Bitkom unterstützt dabei, den Dialog zwischen Ministerium und Unternehmen auszubauen.

Die Unternehmen sollen ihre Prozesse auf die Wallet-Nutzung vorbereiten und Rückmeldungen zu Spezifikationen geben. Ziel ist, angepasste Funktionen bis zum Start weitgehend auszurollen.

Gemeinsam sorgen die Unterzeichnenden für eine frühzeitige und umfassende Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit. Im dritten Quartal 2026 soll sodann eine Bestandsaufnahme durchgeführt werden, um die Nutzbarkeit ab 2027 zu bewerten und die nächsten Schritte für Einführung und Kommunikation festzulegen.

Rechtlicher Hintergrund

Die Verordnung (EU) 2024/1183, die den Rahmen für die europäische digitale Identität festlegt, ist bereits am 20. Mai 2025 in Kraft getreten und hat die bisherige e-IDAs-Verordnung (EU) Nr. 910/2014 geändert. Wir berichteten dazu hier. Bis Ende 2026 sollen alle EU-Mitgliedstaaten, den in der EU ansässigen Bürger*innen und Unternehmen, die EU-Brieftasche bereitstellen. Für Deutschland ist ab 2027 ein stufenweiser Ausbau des Funktionsumfangs vorgesehen. Daneben wurde am 19. November 2025 ein Vorschlag für eine Verordnung zur Einrichtung europäischer Business-Wallets von der Europäischen Kommission veröffentlicht. Die Verordnung soll einen einheitlichen und sicheren digitalen Rahmen schaffen, damit Unternehmen und Behörden in der EU grenzüberschreitend Daten rechtssicher austauschen und sich digital identifizieren können.

Was steckt dahinter?

Immer mehr Dienstleistungen verlagern sich ins Netz. Damit wächst der Bedarf an sicherer digitaler Authentifizierung. Gleichzeitig steigt die Sorge vor Datenmissbrauch, Profilbildung und Überwachung.

Der europäische Rahmen für die digitale Identität umfasst drei zentrale Elemente: die digitale Identitäts-Brieftasche, die gegenseitigen Anerkennung nationaler elektronischer Identifizierungsmittel sowie Vertrauensdienste für sichere digitale Transaktionen.

Die europäische digitale Identität und die dazugehörige Brieftasche gelten als Schlüssel, um den Zugang zu öffentlichen und privaten Diensten europaweit zu vereinfachen und gleichzeitig eine sichere Identitätsprüfung zu gewährleisten. Damit sollen digitale Prozesse im Alltag deutlich effizienter und vertrauenswürdiger gestaltet werden.

Was kann die digitale EU-Brieftasche konkret?

Die in der EU nach gleichen Spezifikationen erstellte Brieftasche erweitert die Funktionen und die Nutzbarkeit bestehender nationaler eIDs und sorgt für deren gegenseitige Anerkennung in allen Mitgliedstaaten.

Sie ermöglicht eine sichere Authentifizierung bei verschiedenen Diensten, die geschützte Speicherung wichtiger Dokumente vom Ausweis, Führerschein, bis hin zu Bahntickets und Zeugnissen. Daneben soll das unkomplizierte Teilen dieser Unterlagen darüber ermöglicht werden sowie die Möglichkeit rechtsverbindliche elektronische Unterschriften schnell auszuführen.

Vorteile?

Im digitalen Zeitalter, in dem Online-Dienste und elektronische Prozesse immer wichtiger werden, bietet die digitale Brieftasche nicht nur Bürger*innen, sondern auch Unternehmen, Behörden, Anbietern digitaler Dienste und der Gesellschaft im Allgemeinen zahlreiche Vorteile. Sie soll den Alltag vereinfachen und zugleich den Datenschutz sowie die Datensicherheit stärken. Mit der Brieftasche wird das Ziel laut EU-Rahmen für die digitale Identität erreicht: Der (Zeit-)Aufwand bei Anmelde- und Identifikationsprozessen soll reduziert und der Zugang zu öffentlichen und privaten Angeboten erleichtert werden. Somit trägt sie zu geringeren Kosten für die Kundenauthentifizierung sowie zum Bürokratieabbau bei. Gleichzeitig soll die Brieftasche Sicherheit und Vertrauen bei digitalen Transaktionen durch verbesserte Cybersicherheit aufgrund strenger Sicherheitsstandards stärken. Zudem soll die Betrugsbekämpfung für die öffentliche Verwaltung und Unternehmen damit verbessert werden.

Die Nutzung der Brieftasche ist für alle Bürger*innen freiwillig. Indem Nutzer*innen jederzeit die Kontrolle über die digitale Identität behalten und selbst entscheiden, welche Daten sie in welchem Umfang weitergeben, wird die informationelle Selbstbestimmung gewahrt.

Nachteile?

Die digitale Brieftasche kann aber auch erhebliche Datenschutzrisiken mit sich bringen: Ein Missbrauch von Ausweisdaten und weiteren in der Brieftasche gespeicherten Dokumenten können zu Identitätsdiebstahl führen. Besonders kritisch wäre ein Datenleck, da durch die Verknüpfung mehrerer zentraler Dokumente sensible Informationen in großem Umfang offengelegt werden können. Das Risiko besteht aber auch in der unbefugten Offenlegung gegenüber Dritten durch beispielsweise fehlerhaften Zugriff oder Übermittlung. Je nach Ausgestaltung bzw. Umsetzung der Vertrauensdienste besteht zudem die Gefahr, dass Nutzer*innen dazu verleitet werden, mehr Daten preiszugeben als notwendig. Hinzu kommen mögliche neue Identifizierungspflichten sowie verstärktes Tracking und das Risiko der Profilbildung.

Problematisch wäre es außerdem, wenn künftig bestimmte Dienste ausschließlich über die digitale Brieftasche zugänglich wären und damit die freiwillige Nutzung durch Bürger*innen faktisch entfiele, weil keine Alternativen mehr bestehen.

Weitere Kritikpunkte an der EU-Brieftasche betreffen mögliche Risiken wie, erleichterte Überwachung und der Ausbau der Marktmacht großer Tech-Konzerne. Trotz geplanter Sicherheitsmaßnahmen bestehen Bedenken, ob die Infrastruktur und die Schutzmaßnahmen ein ausreichendes Schutzniveau gewährleisten.

Ausblick

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) fordert, dass digitale Brieftaschen für Ausweisdokumente verbraucherfreundlich und datensparsam gestaltet werden, um Missbrauch durch Tracking und Profilbildung zu verhindern. Privatwirtschaftliche Anbieter sollen strenge Auflagen erhalten, damit keine Monopolstellungen ausgebaut und Daten nicht für andere Geschäftsbereiche genutzt werden. Eine Umfrage der vzbv zeigt, dass die Akzeptanz von Verbraucher*innen geteilt ist: 44 % würden ihre Dokumente digital hinterlegen, 34 % lehnen dies ab, 22 % sind unentschlossen.

Bei Unternehmen zeigt sich ein deutlich größeres Interesse an einer digitalen Wallet-Lösung: Laut einer aktuellen Bitkom-Umfrage planen bereits 82 % der deutschen Unternehmen mit mehr als 20 Beschäftigten, die EUDI-Wallet künftig einzusetzen. 13 % haben sich bislang noch nicht mit dem Thema befasst, und lediglich 2 % schließen eine Nutzung aus.

Die Einführung der EU-Brieftasche markiert einen entscheidenden Schritt für die Digitalisierung Europas. Sie schaffen eine einheitliche digitale Identität, die sicheren, vertrauenswürdigen und interoperablen Zugang zu Diensten in der gesamten EU verspricht. Insbesondere aufgrund des wachsenden Bedarfes an Online-Transkationen und des Missbrauchs braucht es sichere und datenschutzfreundliche Verfahren zur digitalen Identifizierung und Authentifizierung, um Nutzer*innen wirksam vor Betrug und Datenmissbrauch zu schützen. Die Akzeptanz hängt maßgeblich vom Vertrauen der Nutzer*innen ab. Transparenz und strenge Regelungen sowie einfache Bedienung und klare Vorteile im Alltag werden entscheidend sein, um Skepsis abzubauen und eine breite Nutzung zu fördern.